Politiker streiten über den richtigen Umgang mit Flüchtlingen aus dem Balkan. Derzeit wird darüber nachgedacht, ob auch Albanien, Kosovo und Montenegro zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt werden sollen. Dann könnten Asylsuchende von dort schneller zurückgeschickt werden. Im vergangenen Jahr waren bereits Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien als sogenannte sichere Herkunftsstaaten eingestuft worden.

Doch wie sicher sind diese Länder?

Allein in Mazedonien und Bosnien-Herzegowina arbeiten ca. 110.000 Menschen in der Modeindustrie – mehr als in jeder anderen Branche. Fast alles, was sie schaffen, geht in den Export. Größter Abnehmer ist Deutschland. Deutsche Modemarken und Berufsbekleidungsproduzenten lassen hier nähen – u.a. die neuen blauen Polizeiuniformen.

Die jüngste Studie der Clean Clothes Campaign ergab, dass durch die Modeindustrie ganze Regionen verarmen. Der durchschnittliche Verdienst einer mazedonischen Näherin liegt weit unter der Armutsgrenze und entspricht gerade mal einem Siebtel eines existenzsichernden Lohns. Mit rund 120 EUR im Monat verdient sie so viel wie eine Näherin in Kambodscha und erheblich weniger als ihre chinesische Kollegin. Die Preise in den Geschäften Mazedoniens sind jedoch europäische Preise, nicht kambodschanische. Und: vom Einkommen der Näherinnen müssen in den Balkanländern Großfamilien ernährt werden, die Frau ist in der Regel die Familienernährerin.

Zudem herrschen in diesen Ländern in der Textilindustrie mafiöse Strukturen. Nicht von ungefähr bewertet die OECD beispielsweise Albanien als Hochrisikoland. Bettina Musiolek, Koordinatorin der Clean Clothes Campaign für die Balkan-Region, bestätigt: „Das Geschäftsmodell der Modeindustrie ist auf kurzfristige Überausbeutung weiblicher Arbeitkraft ausgelegt – auch auf dem Balkan. Unsere Recherchen und jüngsten Besuche vor Ort ergaben, dass beispielsweise die staatlichen Kontrollen nicht stattfinden oder manipuliert werden. Inspekteure werden bedroht und bestochen. Oft finden wir mafiöse Seilschaften zwischen Fabrikbesitzern und Bürgermeistern oder Regierungsvertretern. Verstöße gegen die Gesetze bleiben straflos. Die hauptsächlich deutschen Auftraggeber nehmen dies ähnlich wie Bangladesch oder Indien billigend in Kauf.“

Sollen Flüchtlinge aus dem Balkan in ihre Herkunftsländer zurück abgeschoben werden, damit sie weiter als billige Lohnsklaven der deutschen und westeuropäischen Modebranche zur Verfügung stehen?

Kontakt:

Dr. Bettina Musiolek, Clean Clothes Campaign, 0178 877 32 98

Die Clean Clothes Campaign zur Situation auf dem Balkan:

http://lohnzumleben.de/das-reine-elend/

http://lohnzumleben.de/im_stich_gelassen/

http://lohnzumleben.de/laenderdossiers_ost_2014/

http://www.sachsen-kauft-fair.de/recherchen-und-studien/made-in-europe

OECD Zonen schwacher Regierungsführung:

http://www.oecd.org/daf/inv/mne/weakgovernancezones-riskawarenesstoolformultinationalenterprises-oecd.htm

OECD Hochrisikoländer:

http://www.oecd.org/tad/xcred/crc.htm

Seit 1989 setzt sich die Clean Clothes Campaign (CCC) für Grundrechte von ArbeiterInnen in der globalen Bekleidungsindustrie ein. Die CCC ist ein europäisches Netzwerk von Organisationen in 16 europäischen Ländern – u.a. auch in Deutschland. Mitglieder der deutschen Kampagne für Saubere Kleidung sind Frauen-, Jugendorganisationen, kirchliche und entwicklungspolitische Vereine, Rechercheinstitute wie Gewerkschaften.
 Die CCC ist weltweit mit über 250 Partnerorganisationen in Produktionsländern vernetzt und agiert im Falle von Menschenrechtsverletzungen entlang der Lieferkette in der Textilindustrie auf Wunsch von Partnerorganisationen.

Siehe auch bei Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen

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