An fünf Wochenenden, von September 2016 bis Mai 2017, trafen sich 24 engagierte Teilnehmer*innen aus Nord- und Ostdeutschland, um sich zum Thema „Mode und Menschenrechte“ weiterzubilden. Organisiert wurde die FairCademy vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen (ENS) und dem Frauenwerk der Nordkirche. Beide sind Trägerorganisationen der Kampagne für Saubere Kleidung. Fabienne Winkler, Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte beim ENS, fasst die Reihe für uns zusammen.

„Kickoff-Wochenende in Crimmitschau, Sachsen – Anfang des 20. Jahrhunderts die „Stadt der 100 Schornsteine“ aufgrund der hohen Dichte an Textilfabriken. In einer Volltuchfabrik, die bis zur deutschen Einheit betrieben wurde, war die staubige Luft, aggressiver Geruch und Lärm förmlich zu spüren. Im heutigen Museum setzten wir uns intensiv mit dem Crimmitschauer Streik der Textilarbeiter*innen 1903/04 auseinander, dem längsten und größten im damaligen Kaiserreich und ein beeindruckendes Stück Geschichte. Die Losung der Frauen damals, im Kampf um den Zehn-Stunden-Tag: „Eine Stunde für uns – eine Stunde für unsere Familien – eine Stunde fürs Leben!“ Wir sprechen auch über den Verlust von Arbeitsplätzen für viele, als die Industrie nach der Wende abzog. Eine Entwicklung, die zu dem Zeitpunkt in Westdeutschland schon fast abgeschlossen war. Und so können wir Parallelen ziehen zwischen damals und heute, zwischen „hier“ und dem Globalen Süden und Osten: diese Industrie sorgt seit jeher für Spannungen, prägt Gemeinschaften und Schicksale, und gebar Kämpfer*innen. Damit steigen wir ein in die heute global verlaufenden textilen Produktionswege

Hamburg, 2. Modul. Die Seemannsmission Duckdalben ist Anlaufstelle für Seeleute und – so erfuhren wir – auch die Seemänner und -frauen hatten und haben unter schwersten Arbeitsbedingungen zu leiden. Am Wochenende gingen wir mit zahlreichen Referent*innen aber vor allem drei Fragen nach: Wie funktioniert die heutige Bekleidungsindustrie und wieso ist das so? Ist kritischer Konsum möglich? Was, wer, wo und wie ist die internationale Clean Clothes Campaign? Das 3. Modul in Potsdam intensivierte diese Auseinandersetzung, indem wir zuerst mit Forscherinnen aus Albanien und Moldawien die Problemfelder der Näher*innen beleuchteten um danach mit Expert*innen zu besprechen, was dagegen getan werden kann: Campaigning, staatliche Regulierung, Völkerrecht und Menschenrechtsklagen.

Auch das 4. Modul fand in Potsdam statt, es geht es um Arbeits- und Gesundheitsschutz. Ein ehemaliger Sandstrahler aus der Türkei berichtete von den lebensgefährlichen Sandblasting-Techniken zum Bleichen von Jeans und wir diskutierten die Katastrophe von Rana Plaza. Modekonzerne sind für solche Situationen direkt verantwortlich, immenser Preisdruck und Fast Fashion sind zwei der drängendsten Ursachen dafür, Sozialaudits und Zertifizierungen von Fabriken sind letztlich schöner Schein. Nur wenn Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Politik in Lösungen und Koalitionen involviert sind, wie im Bangladesh Accord oder Textilbündnis, können problematische Strukturen verändert werden.

Und was ist mit dem Lohn zum Leben, der noch lange nicht zum Greifen nah ist? Ananya Bhattacharjee, Koordinatorin der Asia Floor Wage Alliance, reiste zum 5. Modul in Schwerin an, um den Ansatz dieses großen Bündnisses vorzustellen, das einen Living Wage für die Textilarbeiter*innen ganz Asiens berechnet und zu erkämpfen versucht.

Wir konnten die seltene Gelegenheit nutzen, dieses Thema intensiv mit ihr, der Clean Clothes Campaign und CSR-Vertretern von Hugo Boss intensiv zu diskutieren. Mit unterschiedlichen Vorstellungen, aber der Einigkeit, dass ein Lohn zum Leben notwendig ist, probierten wir uns schließlich im Aktionstheater aus. Damit sind wir gerüstet für zukünftigen Straßenprotest in Solidarität mit Textilarbeiter*innen weltweit, denn: Menschenrechte gehen vor Profit!“

Mehr dazu unter faircademy.org

Fabienne Winkler, ENS